Der andersfarbige Großspitz
Zurück zur alten Farbvielfalt
Der Deutsche Großspitz, eine der ältesten Hunderassen Deutschlands, steht vor einer großen Herausforderung: Laut dem aktuellen FCI Rassestandard sind nur die Farben Schwarz, Braun und Weiß zugelassen. Historisch gesehen zeichnete sich der Großspitz jedoch durch eine wesentlich größere Farbenvielfalt aus.
Bis in die 1950er-Jahre waren im Rassestandard des Großspitzes auch andere Farben vertreten. Neben Graugewolkt, Schwarz und Weiß wurden unter der Bezeichnung „andersfarbig“ neben Braun auch Farbschläge wie Orange, Creme, Black and Tan sowie Schecken zusammengefasst.
Im Jahr 1957 kam es auf Beschluss des standardführenden Vereins für Deutsche Spitze jedoch zu einer folgenschweren Änderung des Rassestandards: Die andersfarbigen Großspitze wurden vollständig aus dem Standard gestrichen. Diese künstliche Einschränkung verringerte nicht nur die visuelle Farbenvielfalt, sondern schränkte auch die genetische Vielfalt und damit den ohnehin begrenzten Genpool der Rasse massiv ein.

Die Problematik der Farbreinzucht
Seit 1958 konzentrierte sich die Zuchtpraxis der Großspitze im VDH auf eine strikte Farbreinzucht. Dies trug in den folgenden Jahrzehnten zu einer problematischen Verengung der Zuchtbasis bei.
So lag die effektive Zuchtpopulation beim schwarzen Großspitz in Deutschland in den Jahren 2013 bis 2016 bei lediglich 18 Tieren, die zudem eng miteinander verwandt waren. Auch beim weißen Großspitz war die Situation kaum besser. Nicht ohne Grund steht der Großspitz seit Jahren auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH).
Eine kleine Zuchtbasis und enge Verwandtschaft innerhalb der Population führen zwangsläufig zu einer höheren Inzucht und erhöhen damit auch das Risiko für genetische Defekte und gesundheitliche Probleme.
Trotz der erheblichen Inzuchtproblematik hielt der dem VDH angeschlossene Verein für Deutsche Spitze lange an der strengen Farbtrennung fest.
Erst nach jahrelangem Engagement und dem anhaltenden Druck zahlreicher Züchter wurde im Jahr 2014 die strikte Farbtrennung zwischen schwarzen und weißen Großspitzen aufgehoben. Nach jahrzehntelanger Farbreinzucht wurde endlich wieder ein genetischer Austausch zwischen den zunehmend voneinander isolierten Populationen schwarzer und weißer Großspitze möglich.

Die Auswirkungen zeigten sich unmittelbar in den Inzuchtkoeffizienten der Nachkommen: Während schwarz-schwarze Verpaarungen in diesem Zeitraum durchschnittlich einen Inzuchtkoeffizienten von über 21 % aufwiesen, lag der durchschnittliche Wert bei farbübergreifenden Verpaarungen unter 1 %.
Der Kampf um die Farböffnung
Seit vielen Jahren setzen sich engagierte Züchter für eine Öffnung des Farbstandards ein, um die ursprüngliche Vielfalt der Großspitze wiederherzustellen und die genetische Basis der Rasse zu erweitern.
Ein Vergleich mit den kleineren Vertretern der Spitzfamilie, etwa dem Mittel- und Kleinspitz, zeigt, dass dort ein deutlich breiteres Farbspektrum zugelassen ist. Warum dies beim Großspitz nicht ebenfalls möglich sein sollte, ist nur schwer nachvollziehbar, zumal andersfarbige Tiere historisch zur Zuchtbasis der Rasse gehörten.
Die langjährige Ablehnung einer Farböffnung durch den Verein für Deutsche Spitze und den VDH hat viele engagierte Züchter in eine Sackgasse geführt. Einige entschieden sich deshalb für die inzwischen gut organisierte Vereinszucht außerhalb des VDH.
So findet sich außerhalb der VDH-Zucht mittlerweile eine größere Anzahl von Großspitzen, nicht nur in den traditionellen Farben Schwarz, Braun und Weiß, sondern auch in einer bunten Vielfalt weiterer historischer und seltener Farbschläge..
Diese Züchter haben erkannt, dass die genetische Vielfalt und die Erhaltung der Rasse Vorrang vor einer starren Farbpolitik haben sollten und sind nicht bereit, sich einem Verband anzuschließen, der Farbe vor Gesundheit stellt und andersfarbige Spitze als Fehlfarben abwertet.
Warum Vielfalt in der Zucht notwendig ist
In Zeiten, in denen der Großspitz auf der Roten Liste der bedrohten Haustierrassen steht, ist es wichtiger denn je, den Erhalt der Rasse in den Vordergrund zu stellen.
Eine möglichst breite genetische Basis ist entscheidend, um Gesundheit, Vitalität und Wesensfestigkeit der Tiere langfristig zu erhalten. Die Einbeziehung geeigneter andersfarbiger Großspitze könnte dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Es geht somit nicht nur um eine größere optische Vielfalt, sondern vor allem um die Zukunft der Rasse.
Die bisherigen Anstrengungen, Anträge zur Erweiterung des Standards im VDH durchzusetzen, stießen lange Zeit auf Widerstand oder wurden gar blockiert. Dies ist umso bedauerlicher, da andere Züchter und Verbände im Ausland längst offen für eine größere Farbvielfalt sind und darauf warten, dass das standardgebende Land Deutschland diesen Weg frei gibt.
Die Zukunft des Großspitzes – Wege aus der Sackgasse
Es braucht dringend einen Paradigmenwechsel in der Zuchtpolitik des Großspitzes. Die Öffnung des Rassestandards für weitere Farben könnte nicht nur zur Erweiterung der genetischen Basis beitragen, sondern auch jene historische Farbenvielfalt wiederherstellen, die den Großspitz über viele Generationen auszeichnete.
Der Erhalt der Rasse sollte an erster Stelle stehen und nicht die Frage, welche Farbe das Fell eines Hundes hat.
Engagierte Züchter im In- und Ausland sind bereit, neue Wege zu gehen und Verantwortung für die Zukunft des Großspitzes zu übernehmen. Es bleibt zu hoffen, dass der Verein für Deutsche Spitze und der VDH diese Bemühungen künftig unterstützen und die notwendigen Änderungen des Rassestandards umsetzen.
Farböffnung für den Großspitz – erneuter Beschluss 2026
Bereits im Jahr 2021 wurde eine Änderung des Rassestandards beschlossen, die eine Öffnung für weitere Farben beim Großspitz ermöglichen sollte. Leider wurden die entsprechenden Änderungen damals nicht an die FCI weitergeleitet und somit auch nicht im offiziellen Rassestandard umgesetzt.
Auf der Generalversammlung 2026 wurde die Farböffnung für den Großspitz nun erneut beschlossen. Es bleibt zu hoffen, dass die Beschlüsse zur Standardänderungen dieses Mal tatsächlich an die FCI weitergegeben und entsprechend umgesetzt werden.





