Rückführung des American Eskimo Dog

 

Zur dringend benötigten Auffrischung des Genpool der weißen Großspitze wurden im Jahr 2003 von Frau Lauermann vom Zwinger "Berg Sonnenhof" die American Eskimo Dog Hündinnen Alpine's Walk to Remember und Nature's Puppy Love importiert und mit Genehmigung des Vereins für Deutsche Spitze rückgekreuzt.

Kurzer geschichtlicher Abriss zum American Eskimo Dog:

Kalifornien 1910
American Eskimo Dogs sind Nachkommen Deutscher Spitze, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von deutschen Siedlern mit nach Amerika gebracht und unter dem Namen American Eskimo Dog weitergezüchtet wurden.

Der American Eskimo Dog wurde erstmals ca. im Jahr 1913 im amerikanischen UKC (United Kennel Club) registriert. Leider gingen durch einen Brand viele der Unterlagen verloren. Basierend auf den noch verfügbaren Aufzeichnungen der Rasse, wurden im Jahr 1922, noch unter dem Rassenname "Spitz", sieben Hunde registriert. Der erste in den Aufzeichnungen gefundene Spitz war eine Hündin namens "Patsy Pall", der erste registrierte Rüde war "Rob Roy". Im Jahr 1923 wurden weitere 13 Spitze registriert.

Standard American Eskimo Dog 1968Aufgrund einer zunehmenden antideutschen Stimmung während und nach dem Ersten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten änderte der UKC den Namen der Rasse im Jahr 1925 in "American Spitz". Im Jahr 1926 wurde der Rassename erneut in "American Eskimo Spitz" geändert, bis schließlich im Jahr 1926 das Wort "Spitz" vollständig aus dem Namen entfernt wurde.

Nachdem die antideutsche Stimmung in den USA abgeklungen war, veröffentlichte der UKC in der Rassegeschichte zum offiziellen Standard im Jahr 1968 erstmals, dass der American Eskimo Dog auf importierte Spitze deutscher Einwanderer zurückgeht. Im Jahr 1969 wurde das Zuchtbuch des AED geschlossen und die NAEDA (National American Eskimo Dog Association) gegründet. Im Jahr 1985, wurde der AEDCA (American Eskimo Dog Club of America) von Liebhabern der Rasse gegründet, um diese vom AKC (American Kennel Club) anerkennen zu lassen. Der American Eskimo Dog wurde 1995 vom AKC und 2006 vom Canadian Kennel Club anerkannt.

  

Die Rückreuzung der Hündinnen war damals nicht ganz unumstritten und wird auch heute noch vereinzelt kritisiert. Bei aller Kritik darf jedoch nicht vergessen werden, dass die Großspitzzucht damals fast an die Wand gefahren war. Es standen nur noch wenige miteinander verwandte Hunde für die Zucht zur Verfügung, Verpaarungen von schwarzen und weißen Großspitzen, wie es heute erlaubt ist, waren nur mit Ausnahmegenehmigung möglich und die Zuchtverwendung der Nachzucht fraglich. Dass Frau Lauermann damals die Einführung dieser beiden Hündinnen als gangbaren Weg wählte, war ein und notwendiger und mutiger Schritt, um der Inzuchtspirale entgegenzuwirken.

Leider wurde damals, vermutlich aus Unkenntnis, versäumt, die beiden Hündinnen auf prcd-PRA (Progressive Retinaatrophie), eine bekannte erbliche Augenkrankheit bei American Eskimo Dogs, untersuchen zu lassen, so dass das rezessive Gen für diese Augenkrankheit über 10 Jahre unbemerkt in den Deutschen Großspitz eingebracht wurde. Erst im Jahr 2016 wurde auf Initiative einer Schweizer Großspitzzüchterin das Gen bei einem Nachkommen der American Eskimo Dogs Hündinnen, durch einen Gentest nachgewiesen. Daraufhin wurde noch im selben Jahr ein verpflichtender Gentest für Zuchthunde im VfDSp (Verein für Deutsche Spitze e. V.) eingeführt. Durch das vorbildliche Handeln der Großspitzzüchter und den besonnenen Umgang mit  nachgewiesenen Anlageträgern, musste kein Hund aus der Zucht genommen werden und trotzdem ist es gelungen, dass heute kaum noch Anlageträger in der Zucht sind.

Bis heute sind insgesamt 987 Großspitze (Stand 02.06.2023) aus diesen beiden Hündinnen hervorgegangen, was deutlich macht, dass die Nachkommen dieser Hündinnen mittlerweile fester Bestandteil der Großspitzzucht in allen Farben sind.

Immer wieder tauchen Gerüchte auf, dass Samojeden in den American Eskimo Dog eingekreuzt wurden. Es gibt jedoch eine interessante Studie des VGL (Veterinary Genetics Laboratory) vom Mai 2021 "Genetic Diversity Testing for American Eskimo Dog", die festgestellt hat, dass der American Eskimo Dog und der Samojede nur eine geringe Verwandtschaft aufweisen, was darauf schließen lässt, dass die Verwandtschaft in der Evolution der beiden Rassen weit zurück liegt.

Leider werden auf verschiedenen Internetseiten einige Punkte dieser Studie selektiv völlig falsch dargestellt, insbesondere die Behauptung, dass der American Eskimo Dog 20-25% seiner Gene mit dem Samojeden teilt. Diese Aussage ist falsch! Wer die Studie aufmerksam gelesen hat, weiß das. Trotzdem habe ich mich beim Veterinary Genetics Laboratory vergewissert. Auf meine Anfrage hin hat mir der Autor der Studie schriftlich bestätigt, dass diese Aussage, dass der AED 20% - 25% seiner Gene mit dem Samojeden teilt, nicht stimmt und es sich bei dieser falschen Darstellung vermutlich um eine Fehlinterpretation einer Textstelle auf Seite 19 der Studie handelt. 

Zur Übersicht, habe ich die entsprechende Stelle der Studie nachfolgend übersetzt:

Auf Seite 19 der Studie heißt es:

Originaltext:

Interestingly, DLA-I haplotype 1153 (occuring in 23% of standard, 11% of minature, and 4% of toy American Eskimo Dogs) was found to be shared exclusively with Samoyed (1.8%) - a breed known to share common ancestry with Spitz breeds [7]. Similarly, DLA-II haplotype 2096 (identified in 0.8% of standard and 1% of miniature American Eskimo Dogs) is also shared uniquely with Samoyed (11.3%) and Border Collie (3.3%)

Deutsche Übersetzung:

Interessanterweise wurde festgestellt, dass der DLA-I Haplotyp 1153 (der bei 23% der Standard-, 11% der Miniatur- und 4% der Toy-American Eskimo Dogs vorkommt) ausschließlich mit Samojeden (1,8%) geteilt wird - einer Rasse, von der bekannt ist, das sie gemeinsame Vorfahren mit den Spitzenrassen hat. Ähnlich wird der DLA-II Haplotyp 2096 (identifiziert bei 0,8 % der Standard- und 1 % der Miniatur-American Eskimo Dogs) ebenfalls ausschließlich mit Samojeden (11,3 %) und Border Collies (3,3 %) geteilt.

Im Rahmen der Studie des VGL wurde also festgestellt, dass der Haplotyp 1153, der bei 23% der Standard American Eskimo Dogs vorkommt wurde, nur bei 1,8% der untersuchten Samojeden gefunden wurde und der Haplotyp 2096 der bei 11,3% der Samojeden vorkommt, nur bei 0,8% der Standard American Eskimo Dogs gefunden. Diese eindeutige aber eben nur geringen Übereinstimmung dieser beiden Haplotypen legt nahe, dass die American Eskimo Dogs und der Samojede zwar gemeinsame Vorfahren haben, diese jedoch in der Geschichte beider Rassen weit zurückliegen


So heißt es auf Seite 19 weiter:

Originaltext:

Although it is not possible to exclude more recent introgressions between the two breeds, this analysis indicates that that American Eskimo Dog and Samoyed share several common ancestors and that this relationship goes back quite a way in their breed’s evolution. This is because these breeds only share two unique DLA haplotypes, found at relatively low frequency in each population.

Deutsche Übersetzung:

Obwohl es nicht möglich ist, neuere Einkreuzungen zwischen den beiden Rassen auszuschließen, zeigt diese Analyse, dass der Amerikanische Eskimo Dog und der Samojede mehrere gemeinsame Vorfahren haben und dass diese Beziehung weit zurück in der Evolution ihrer Rassen geht. Dies liegt daran, dass diese Rassen nur zwei einzigartige DLA-Haplotypen teilen, die in jeder Population relativ selten vorkommen.

Die Tatsache, dass diese beiden Haplotypen sowohl beim American Eskimo Dog als auch beim Samojeden nur in sehr geringem Maße vorkommen, lässt daher eher darauf schließen, dass beide Rassen gemeinsame Vorfahren haben, die jedoch in der Geschichte beider Rassen weit zurückliegen. Da der American Eskimo Dog vom Deutschen Spitz abstammt und der Deutsche Spitz wiederum gemeinsame Vorfahren mit verschiedenen Spitzhunden, u.a. dem Samojeden, hat, ist diese Aussage auch nicht überraschend. Da das Zuchtbuch des AED seit 1969 geschlossen ist, ist es zudem sehr unwahrscheinlich, dass in jüngerer Zeit Einkreuzungen des Samojeden stattgefunden haben.

Auch der Umstand, dass 1955 der ursprünglich in Japan registrierte Spitz namens "Conners Fuji" in den American Eskimo Dog eingekreuzt wurde, macht die derzeit kursierenden Gerüchte nicht verständlicher. Nach Angaben der NAEDA (National American Eskimo Dog Association) war Fuji der einzige Spitz, der aus Japan registriert wurde, und dies vermutlich nur deshalb, weil in seiner Urkunde nicht "Japan-Spitz", sondern "Spitz" eingetragen war. 

Auch beim Großspitz wurden immer wieder weiße Spitzhunde unbekannter Herkunft aus Tschechien, den Niederlanden und Russland in die Rasse eingführt. Geht man in den Stammbäumen der sogenannten "alten Großspitzlinien" ein wenig zurück, so stellt man schnell fest, dass diese vermeintlich "alten deutschen Linien" zu einem großen Teil auf tschechische und niederländische Registerhunde unbekannter Abstammung, südafrikanische Kees-Linien, alte Wolfsspitz-Linien und Kleinspitze zurückgehen. Und das ist auch gut so, denn nur durch ständige Blutauffrischung kann eine Rasse langfristig gesund erhalten werden.

 


Im Beispiel ein Stammbaum von "Olf vom Lichtenberger Wappen". 
rot = Wolfsspitz/Keeshond, blau=weiße Spitze, doppelt-umrahmte = Registerhunde (Abstammung unbekannt)

Stammbaum Großspitz